FR 7. APRIL / 20 Uhr / Marktkirche Hannover

„Spott, Hohn und Gänsehaut“

Pendereckis „Lukas-Passion“ mit Knabenchor und Radiophilharmonie in der Marktkirche

„Ein besonderes Projekt im Rahmen der Feierlichkeiten zum 500-jährigen Reformationsjubiläum durfte ein begeistertes Publikum am Freitagabend in der Marktkirche miterleben. Die hauptamtlichen Kirchenmusiker der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover hatten sich zu einem Projektchor zusammengefunden, der gemeinsam mit der NDR Radiophilharmonie und dem Knabenchor Hannover die „Lukas-Passion“ des polnischen Komponisten Krzysztof Penderecki von 1966 unter Leitung von Antoni Wit zur Aufführung brachte. Dies ist schon deshalb etwas Besonderes, weil sowohl die zu bewältigenden musikalischtechnischen Schwierigkeiten als auch die organisatorischen Anforderungen immens sind. Neben einem sehr groß besetzten Sinfonieorchester werden drei gemischte Chöre, ein Knabenchor, drei Gesangssolisten und ein Sprecher benötigt: gute Gründe, warum das Werk eher selten in Angriff genommen wird.“

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„Pendereckis Musik gilt als Meilenstein und Wendepunkt in der Geschichte der Neuen Musik. Er benutzt zwar als Grundgerüst eine Zwölftonreihe, wendet sich aber weitgehend von einer seriellen Strukturierung ab und einer hoch emotionalen, bildhaften und klangbasierten Kompositionstechnik zu. In Hannover wurde das ein höchst berührendes Erlebnis. Natürlich wäre diese emotionale Anteilnahme nicht möglich gewesen ohne die vorzüglichen Leistungen der Ausführenden. Beim Knabenchor konnte man sich immer wieder fragen, wo die jungen Sänger ihre intonationssicheren Einsatztöne hernahmen. Und auch der Projektchor klang bei aller Schwierigkeit der Partitur stets sicher und überzeugend. Die Volksszenen, in denen Jesus verhöhnt und ausgelacht wird, sorgten für echte Gänsehautmomente. Auch Solisten, Sprecher und Orchester trugen ihren Teil zu einem eindrücklichen und tief bewegenden Konzertabend bei. Das Publikum bedankte sich mit Ovationen im Stehen.“

(Michael Meyer-Frerichs, Hannoversche Allgemeine Zeitung, 10.04.2017)

„Packende Penderecki-Passion“

Marktkirche: Antoni Wit dirigiert „Lukas“ mit Radiophilharmonie und Knabenchor

„Die Zeit vor Ostern ist Passionszeit, Zeit für die Aufführung prächtiger Musik, die aus diesem Anlass geschrieben wurde. Und da muss es nicht immer Bach sein: Die Radiophilharmonie und der Knabenchor haben sich in diesem besonderen Jahr (500 Jahre Reformation) an eins der eindrucksvollsten Werke der musikalischen Moderne gewagt: die „Lukas-Passion“ von Krzysztof Penderecki. Das ist dann allein schon von der reinen Masse der Aufführenden her eine echte Herausforderung: 200 Musiker und Sänger sind gefragt. Und ein Dirigent, der das komplexe Ganze zusammenhalten kann. Der polnische Altmeister Antoni Wit dürfte zur Zeit die größte Penderecki-Erfahrung haben, oft hat er schon dieses zentrale Werk dirigiert. Und gab auch der Aufführung in der Marktkirche einen individuellen Twist: runder, romantischer, als man es sonst von ihm kennt, dirigierte er schon gleich zu Beginn die Anrufung des Kreuzes. Bewundernswert an diesem Abend war auf jeden Fall die punktgenaue Abstimmung der Vokalpartien, auch vom Knabenchor, der in einem Seitenteil des Kirchenschiffs aufgestellt war. Die noch geforderten drei gemischten Chöre waren hier Kantorinnen und Kantoren der Landeskirche.

Die „Lukas-Passion“ von 1966 , die manchmal klanglich mit auskomponiertem Hohngelächter und Pfeifen an der Grenze von Musik und Geräusch angesiedelt ist, klingt in heutigen Ohren fast schon versöhnlich. Und das, obwohl der Dirigent die grellen Bläser-Passagen und Dynamikbreite voll ausfuhr und Sopranistin Ewa Biegas mit ihrer turmhohen Stimme bei den Klagen mühelos den aufrauschenden Gesamtklang durchschnitt. Stimmstark auch die tiefen Stimmen von Jaroslaw Brek und Stephan Klemm. Manchmal hörte man schon, wo sich Filmmusikkomponisten bisweilen bedienen: Nach den dann doch versöhnlichen, auf- und abschwellenden Klangwellen am Schluss und der glockendröhnenden Verkündigung der Erlösung, bei der der Knabenchor noch einmal wunderschön zu hören war, kam eine lange Erschütterungspause – und unkirchlich lauter Applaus in der ausverkauften Marktkirche für eine in jeder Hinsicht authentische „Lukas-Passion“, die der NDR aufgezeichnet hat.“

(Henning Queren, Neue Presse, 10.04.2017)

SA 8. APRIL / 19 Uhr / St. Johanniskirche Lüneburg

„Was für ein Werk, was für ein Abend in St. Johannis!“

Krzysztof Pendereckis Lukaspassion überwältigt die Zuhörer in der Lüneburger Johanniskirche

„Das hat sich gelohnt. Als Krzysztof Penderecki mit Anfang 30 sein erstes größeres geistliches Werk plant, erhält er vom WDR einen Auftrag zur Komposition. Zur Uraufführung seiner Lukaspassion 1966 in Münster gibt es den großen Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen. Es muss also Großartiges an diesem Werk sein, das in der Rezeption zum Schlüsselwerk der Neuen Musik deklariert wurde. In der Tat: Diese Passion nimmt in jeder Hinsicht gewaltige Züge an, sie überwältigt, wühlt in jeder ihrer 75 Minuten auf, fordert Kopf und Bauch. Was für ein Werk, was für ein Abend in St. Johannis! Anders gesagt: Das hat sich gelohnt, für die Ausführenden, für die Zuhörer in der sehr gut besuchten Kirche und ebenso für die Organisatoren.“

„Der Chor der Kirchenmusiker leistet Bewundernswertes“

„Der Aufwand ist schlicht gigantisch. Ein Orchester samt großer Schlagwerkbatterie, fettem Gebläse von Tuba bis Saxophon, selbst eine Orgel und ein Harmonium fordert Penderecki. Die NDR Radiophilharmonie macht mächtig Eindruck. Zu drei gemischten Chören formieren sich KantorInnen der evangelischen Landeskirche, dazu kommen der Knabenchor Hannover, drei Solisten, ein Sprecher. Rundum mehr als 200 Mitwirkende. Es wird eng vor den Kirchenbänken. Möglich wurde die dreimalige, auch nach Hannover und Emden führende Aufführung durch die Evangelisch-Lutherische Landeskirche. Die in lateinischer Sprache gehaltene Lukaspassion des tiefgläubigen Katholiken, der ein früher geschriebenes „Stabat mater“ komplett einbaute, wurde als „einzigartiges kulturelles Highlight“ zum Reformationsjubiläum auserkoren.“

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„Penderecki packt Mitte der 60er alles aus, was an Neuem in der Werkzeugkiste für Komponisten Platz fand. Cluster, sich überlagernde Klangflächen, Vierteltonfolgen, brutale dynamische Extremkontraste und und und. Die KantorInnen-Chöre entführen für Momente traumhaft schön in ätherische Weiten, aber sie stammeln auch, flüstern, schreien, beten, zischen und flöten sogar. Einstudiert wurde das in unglaublich kurzer gemeinsamer Probenzeit, und wie anspruchsvoll die Aufgabe ist, lässt sich am häufigen Stimmgabel-Gebrauch von Mitsängern erkennen, auf dass die Stimmen geschmeidig in den Lauf der Notendinge gleiten. Aber so sehr diese Passion als Imposanzgewitter niederbricht, Penderecki schraubt die Kunstam-Bau-Stücke und die Special-Effects so zusammen, dass alles eine inhaltliche, sinnhafte, sinnliche Entsprechung erhält. Dadurch gewinnt das Werk Tiefenschärfe und Nachhaltigkeit. Bei alledem geht Penderecki formal von Bach-Oratorien aus: einst der singende Evangelist, nun ein Sprecher, einst betrachtende Choräle, nun Psalm-Einschübe. Rückgriffe gehen bis zu gregorianisch eingefärbten Passagen, da bekommt die sonst so welterschütternde Aufführung gewinnende Innigkeit.

Auf der Empore steht der wunderbare Knabenchor, sein Leiter Jörg Breiding hält Blickkontakt zum Penderecki-Schüler Antoni Wit, der den gigantischen Apparat mit all seiner Erfahrung und großer Ruhe sicher ans Ziel führt. Der Chor der Kirchenmusiker leistet Bewundernswertes, und bei den Solisten sind durchschlagskräftige Stimmen gefragt. Ewa Biegas bringt in ihren riesengroßen Sopran etwas ein, das metallisch genannt sein mag. Sagenhaft, welche Bandbreite der Bariton von Jaroslaw Brek ohne Substanzverlust durchmisst, wirkungsvoll der Bass von Stephan Klemm. Die Erzähl-Dramatik wird von Sprecher Helmut Thiele transportiert. Auch er ist ein Träger der Botschaft, bei allem Leid, das der Menschheit durch Krieg und Gewalt widerfährt, den Glauben an ein Besseres nicht zu fürchten. „Auf dich o Herr vertraue ich“ heißt es am Ende, und da kommt es doch tatsächlich nach allem Düsterkeits-Moll zur Dur-Wende.

Es ist immer so eine Sache mit dem Applausgedonner nach einer Passionsmusik. An diesem Abend belohnt er gut zehn Minuten lang – nach angemessener Pause – eine Großtat.“

(Hans-Martin Koch, Landeszeitung Lüneburg, 10.04.2017)

SO 9. APRIL / 16 Uhr / Kulturkirche Martin-Luther Emden

„Ein Jahrhundert-Ereignis für Ostfriesland“

Lukas-Passion von Penderecki zog in der Martin-Luther-Kirche die Zuhörer in ihren Bann

„Die letzten gewaltigen Töne waren verklungen, das Publikum verharrte in Stille: Es dauerte gefühlt einige Minuten, ehe sich die angespannte Gebanntheit in anhaltendem Applaus entlud. So intensiv war die Wirkung der vorangegangenen etwa eineinviertel Stunden voller ungewöhnlicher, in der Gänze ergreifender Musik. Und das, obwohl – oder gerade, weil – sie ganz anders daher kommt, als man sich Musik gemeinhin vorstellt. Einhelliger Tenor vieler der rund 500 Konzertbesucher: Das ging einem durch und durch: „Ergreifend“, fand Silke Niklasch-de Voss, „zu Tränen gerührt“, war Ursula Themer, und Brigitte Wachs war auch hinterher noch „zutiefst beeindruckt“. „Sehr berührt“ kam auch Oberbürgermeister Bernd Bornemann aus der Martin-Luther-Kirche, und der frühere Stadtwerke-Geschäftsführer Remmer Edzards fand es faszinierend, „wie Musik Emotionen wecken und wie sie sprechen kann.“ „Man war mittendrin im Geschehen“, empfand Sigrid Noormann.“

„Perfekte Sprache, exaktes Timing und eine sehr gute Dynamik ließen jedes einzelne Chorstück zum Erlebnis werden“

„Das Geschehen, das war die Geschichte des Leidensweges von Jesus Christus, vom Verrat im Garten Gethsemane bis zur Kreuzigung. Der Text im Lukas- Evangelium, der dies darstellt, durchzieht als roter Faden das Werk. Dazu stellt Penderecki, durchaus mit Absicht nach dem Muster der großen Bach-Passionen, aber doch ganz anders, Kommentare, Einschätzungen, Interpretationen, Reaktionen – vom Volk, von Jesus, von anderen. Dafür verlässt Penderecki die Pfade üblicher Musik, gestaltet beispielsweise Reaktionen des Volkes im Chor im Stile einer aufgeregten Plapper-Fuge. Spannend auch, wie Penderecki die ganze Bandbreite des Orchester- Klangkörpers nutzt, um Bilder entstehen zu lassen und eben Emotionen zu wecken. Nicht umsonst wird Pendereckis Musik oft mit Filmmusik verglichen – und als Filmmusik verwendet.“

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„Besonders eindrucksvoll sind die Szenen/Passagen, in denen Christus verhöhnt wird, das Verhör vor Pilatus oder die Verleugnung des Petrus. Und wenn im „Stabat mater“, dem Klagegebet der Mutter, am EndedasWort„ Gloria“plötzlichin einem lupenreinen Durakkord ertönt, dann lässt einen das nicht kalt. Besser kann man nicht verkünden, dass die Ehre Gottes strahlend über allem steht. In der Emder Aufführung hat die Zuschauer beeindruckt, wie Dirigent Antoni Wit, der selbst bei Penderecki studiert hat, die Vorstellungen seines einstigen Lehrers zusammen mit allen Beteiligten hör- und spürbar werden ließ. Großartig,
wie präzise Chor und Orchester unter seiner Führung waren. Ob der Chor sein aufgeregtes Durcheinanderrufen echohaft ausklingen oder einen Schrei auf den Punkt verklingen ließ: Perfekte Sprache, exaktes Timing und eine sehr gute Dynamik ließen jedes einzelne Chorstück zum Erlebnis werden. Nicht minder großartig das Orchester, die Radiophilharmonie des NDR. Da gab
es reihenweise Gänsehaut-Momente im Publikum. Wenn es aus einem leisen Zirpen der Geigen einen gewaltigen Klang-Aufschrei entwickelte beispielsweise. Beeindruckt von der Leistung der Musiker war auch Kerstin Rogge-Mönchmeyer, die Nordseehallenund Theater-Chefin. Sie hat selber Kontrabass studiert und auch schon Penderecki gespielt.

Nicht zuletzt verlieh auch der Knabenchor Hannover der Aufführung noch eine besondere Facette. Herausragend auch die Solisten, allen voran Sopranistin Ewa Biegas. Sie faszinierte besonders damit, dass sie ihre Partien aus ganz leisen, kaum zu vernehmenden Tönen bis in durchdringende Klage-Partien mit großem Stimmvolumen ausbaute. Präzise, perfekt und nicht minder berührend Jaroslaw Brek (Bariton) und Stephan Klemm (Bass) sowie der ausschließlich sprechende Evangelist Helmut
Thiele.

235 Mitwirkende – eine sehr große Zahl, die auch dafür verantwortlich ist, dass dieses Werk so selten aufgeführt wird. In Emden, da sind alle Experten sicher, war es das erste Mal, dass Pendereckis Lukas-Passion live zu hören und zu spüren war. Und ob sie jemals wieder zu hören sein wird, ist zumindest fraglich. Am Schluss stehen die Worte: Du hast mich erlöst, Herr, Du getreuer Gott. Das ganze Orchester, alle Chöre unterstreichen das in einem strahlenden Dur-Akkord. Das wirkte nach, bis der Applaus die Spannung löste. Es wird aber über den Sonntag hinaus nachwirken. Davon ist auch Joachim Vogelsänger überzeugt, Kirchenmusikdirektor in Lüneburg und der Initiator des Projektes. Er war stolz auf seine Kirchenmusiker-Kollegen, dass „alle, die sonst Chefs sind, zu einem Chor zusammengewachsen sind.“ Das sei eine Stärkung für die Arbeit aller Kirchenmusiker. Stolz sei er auch auf die Hannoversche Landeskirche, sagte Vogelsänger: „Es war mutig, dass sie sich auf das Projekt eingelassen hat.“

(Jörg-Volker Kahle, Emdener Zeitung, 10.04.2017)